Wasserwirtschaft

Der Bau des Mittellandkanals als Eingriff in eine bestehende Wasserversorgung

Bereits zu Baubeginn des Mittellandkanals in den 1920ern gab es immer wieder Bedenken seitens der Landwirte hinsichtlich der veränderten Wasserversorgung nach der Fertigstellung des Bauvorhabens. Man befürchtete eine Senkung des Grundwasserspiegels sowie – damit einhergehend – möglicherweise geringere Erträge durch die schlechtere Wasserversorgung. [1]

Diese Absenkung des Grundwasserspiegels trat tatsächlich ein. Der Eingriff in das bestehende, natürliche Wassersystem hatte bereits nach wenigen Jahren weitreichende Folgen für die ortsansässige Bevölkerung.

Im Raum Sehnde war erkannt worden, dass die Versorgung der in jener Zeit üblichen Hausbrunnen durch die Anlage des Kanals gefährdet war, und man entschloss sich zu Abdichtungsmaßnahmen, die aber nur eingeschränkt Wirkung zeigten. Insbesondere die Feuerlöschbrunnen litten unter ungenügendem Nachfluss bei einer zügigen Wasserentnahme im Brandfall. Auch die von der Kanalbauverwaltung angebotene Zuführung von Wasser aus dem Stichkanal über offene Gräben erschien unzureichend. Das Gleiche galt auch für die Gemeinden Rethmar, Evern und Dolgen, die ihr Brauch- und Trinkwasser aus Grundwasserströmen bezogen.

[2]

Insbesondere die erhöhte Brandgefahr bzw. die Angst davor, bei Bränden nicht genug Löschwasser zur Verfügung stehen zu haben schien ein entscheidender Grund dafür gewesen zu sein, etwas an der Situation verändern zu müssen.

Schlussendlich wurde nach dem verzweifelten Versuch, noch zu Beginn der 1930er weitere Brunnen zu graben, um die Versorgungsknappheit durch den neuerrichteten Kanal zu kompensieren, die Stadt Sehnde bereits 1935 schließlich an das überregionale Wasserversorgungsnetz angeschlossen und bezieht seit dem Wasser aus der Sösetalsperre im Harz. Aus diesem Kontext stammt auch diese aufgeführte Wasserbedarfsrechnung.

Verbraucher Kopfzahlen Verbrauch
Einwohnerzahl 2500  
Pferde 150 je 50 Liter/Tag
Rindvieh 400  
Schweine 700  
Ziegen 300 je 15 Liter/Tag
Schafe 100  

Interessant ist, dass die hier in dieser Rechnung angegebene Einwohnerzahl von 2500 Personen nicht mit der tatsächlichen Bevölkerungszahl von 1935 übereinstimmt; anscheinend plante man bei der Aufstellung dieser Rechnung also bereits einen gewissen Zeitraum in die Zukunft heraus; Vgl. Ortschronik, S.858). Deutlich wird hier zum einen die damals noch recht geringe Anzahl der Einwohner*innen Sehndes, aber auch das Ausmaß des damaligen Viehbestandes im Verhältnis zur menschlichen Bevölkerung. Der Ortsteil Rethmar lenkte sogar noch früher ein als die Gemeinde Sehnde: "Als erste Gemeinde entschloss sich Rethmar neben dem Bau einer Ortswasserleitung auch für den Bezug von Trinkwasser aus der 1928 in Betrieb genommen Sösetalsperre". [3]

Bemerkenswert ist, dass in dieser Rechnung der Wasserverbrauch der Kalichemie wie auch der Zuckerfabrik, also der Verbrauch der größten Betriebe der Stadt, nicht aufgeführt sind. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass diese Betriebe ihr Wasser weiterhin aus werkseigenen Brunnen bezogen. Jedoch gibt es auch Hinweise, dass zumindest seit 1933 zeitweise auch aufgrund eines gestiegenen Wasserbedarfs auf Wasser des Mittellandkanals zurückgegriffen werden musste. [4]

Langfristig wurde außerdem festgestellt, dass durch die Veränderung des Grundwasserspiegels Veränderungen in der Bodenbeschaffenheit auftraten. So kam es 1952 nach der Trockenperiode im Juni und Juli dazu, dass an einigen Häusern der Gemeinde Risse von bis zu fünf Zentimetern im Mauerwerk auftraten, wodurch die Bewohner zeitweise gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen, bis die genaue Ursache festgestellt werden konnte. Gutachter kamen schließlich zu dem Befund, das 25 Jahre nach dem Bau des Kanals sich der Tonboden, der unter den entsprechenden Häusern lag, durch den dauerhaften Wasserentzug so weit geschrumpft sei, dass es zu geringen Verwerfungen kam. Dieser dauerhafte Wasserentzug habe wahrscheinlich auch damit zu tun, dass die natürlichen Wasseradern Sehndes durch den Bau des Kanals abgeschnitten wurden. [5]

Autorin: Jana Lange


Fußnoten

  1. Al-Mazraawi, S.307-317
  2. Zeitreise 6, S.11f.
  3. Zeitreise 6, S.12
  4. vgl. Ortschronik, S.705
  5. vgl. Ortschronik, S.622f.

Literatur

  • Al-Mazraawi, Nadja: Der Mittellandkanal: Landschaft - kultivierte Landschaft - Kulturlandschaft: eine Untersuchung zur materiellen Landumnutzung in der industriellen Moderne. Hannover 2014.
  • Meyer, Adolph: Sehnde. Vom Bauernhof zur Industriegemeinde. Herausgegeben von der Stadt Sehnde. Celle 1975. [Im Text als "Ortschronik" bezeichnet]
  • Stadtarchiv Sehnde: Die Erweiterung des Mittellandkanals im Bereich Sehnde zur Europaschifffahrtsstraße und der Neubau der Schleuse Bolzum. Die Zeitreise. Ausgabe 6. Sehnde 2011.