Saisonarbeit und der Bau des Mittellandkanals

Während des 19. Jahrhunderts und bis ins 20. Jahrhundert hinein lebte die Landwirtschaft – damals mehr noch als heute – von den Saisonarbeitskräften, die von der Aussaat bis zur Ernte mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag zur Versorgung der Bevölkerung einer Region lieferten.

Zum damaligen Zeitpunkt war der Anbau weniger durch Maschinen geprägt, vieles wurde noch bis ins 20.Jahrhundert wie teilweise noch heute durch manuelle, körperliche Arbeit erledigt, die die ortsansässige Bevölkerung allein nicht stemmen konnte. Deswegen ist der landwirtschaftliche Sektor auch immer von Arbeitsmigration durchdrungen, die jahreszeitenabhängig einen Strom von Menschen in die ländlichen Regionen mit sich brachte, die hofften, auf den Höfen Arbeit zu finden.

Abbildung 1 : Vierspänner auf Zuckerrübenfeld, im Hintergrund Kaliwerk oder Zuckerfabrik Sehnde, vermutlich zwischen ca. 1920 und 1950
Abbildung 2 : Pferdewagen mit Erntehelfern, vor 1950

Sowohl die Landwirtschaft, aber auch die in Sehnde ansässige Keramikindustrie waren aufgrund dieser jahreszeitenbedingten Abhängigkeit von Wachstumsperioden wie Witterungsverhältnissen stark auf den saisonalen Zuzug von Arbeitskräften angewiesen, die dann bspw. als Erntehelfer*innen auf den Zuckerrübenfeldern oder in den Tongruben bzw. den Brennereien arbeiten konnten. Zeugnis darüber, wer diese Saisonarbeitskräfte waren und woher sie kamen, liefern Visitationsakten der Kreuzkirche in Sehnde.

Bereits im Jahr 1861 gibt es kirchliche Zeugnisse, die sich kritisch über "unsittliche Ausschweifungen" der fremden Arbeiter*innen in den Ziegeleien äußern:

… von besonders nachtheiligem Einfluß auf die Religiosität … ist nach Beobachtung des Pfarrers die vor zwey Jahren … angelegte großartige Ziegelei, bey der täglich eine große Zahl Fremde, meist junge Leute beschäftigt ist und welche die Sonntage in unsittlichen Ausschweifungen alle Art hinbringen und unter der Jugend der Gemeinde ihre Genossen suchen …

[1]

Zu beachten ist hier, dass die zuziehenden Arbeitskräfte nicht unter sich bleiben, sondern dass sich insbesondere am Verhalten der jüngeren Bevölkerung ablesen lässt, dass man Kontakt zueinander sucht. Dass es sich wahrscheinlich nicht nur um Saisonarbeitskräfte handelt, wie die anfänglichen Vermutungen zunächst nahelegen, ist aus folgendem Zitat abzulesen.

… ist der mehr und mehr wachsende Zuzug von Fremden …. als ein Hindernis des kirchlichen Lebens hervorzuheben. Die Fremden bestehen aus Ziegeleiarbeitern aus dem Lippischen. Der Zuzug war sehr unkirchlich …

[2]

Hier ist von einem "Zuzug" die Rede, was nicht nur für eine reine Saisonarbeit sprechen könnte, sondern ebenso gut heißen kann, dass sich Arbeiter*innen der Ziegeleien dauerhaft im Raum Sehnde niedergelassen haben und es sich somit um eine dauerhafte Arbeitsmigration handeln würde. Ob sich von diesen beschriebenen Saisonarbeitenden einige dauerhaft in Sehnde niederließen, ist aus diesen Unterlagen nicht gänzlich sicher abzulesen, jedoch ist es aufgrund des recht großen Bevölkerungswachstums des Dorfes nicht auszuschließen.

Abbildung 3 : Entwicklung der Einwohnerzahlen Sehndes im 20. Jahrhundert

Analog zu diesen kritischen Äußerungen zu den Arbeiter*innen der Ziegeleien lassen sich auch Äußerungen über Arbeitsmigration durch die ortsansässige Zuckerfabrik (ab 1897) und den Kaliabbau sowie dessen Bergarbeiter (ab 1903) in den kirchlichen Akten finden. [3]

Diese Vermutungen können schließlich durch folgende Aussage vom Autor der "Ortschronik" Sehndes, dem Lehrer Adolf Meyer, bestätigt und zusammengefasst werden, der die Migrationssituation Sehndes treffend analysiert und zusammenfasst:

Die Industrieentwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts hat die Entwicklung der Gemeinde Sehnde in den Folgejahren erheblich beeinflußt [sic]. Die durch die Industriebetriebe – bei denen vor allem das Kaliwerk Friedrichshall, die Zuckerfabrik und die Keramische Hütte genannt werden müssen – neu geschaffenen Arbeitsplätze konnten nur zum geringen Teil von den einheimischen Arbeitsnehmern ausgefüllt werden. Die Folge war, daß [sic] aus anderen Gebieten, besonders aus dem Ruhrgebiet und Schlesien, Arbeitnehmer kamen. […] Der Zuzug dieser Arbeitskräft führte zu einer starken Vermehrung Betrug diese im Jahr 1871 noch 580 Personen, so war sie bis zum Jahr 1905 auf 1357 Personen gestiegen. […] Eine weitere sehr starke Bevölkerungszunahme war nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Aufnahme und Ansiedlung von Flüchtlingen aus den Ostgebieten zu verzeichnen.

[4]

Meyer resümiert:

Da alle Neubürger seit 1900 fast ausschließlich in der gewerblichen Wirtschaft beschäftigt waren, vollzog sich immer mehr der Wandel des Ortes von einem rein landwirtschaftlichen zu einem mehr gewerblich orientierten Ort.

[5]

Im Kontext der fortschreitenden Industrialisierung und dem Ausbau wirtschaftlicher Strukturen zu Beginn des 20. Jahrhunderts lässt sich somit ein Wandel von der tradierten Arbeitsmigration der Saisonarbeit hin zur Form einer dauerhaften Arbeitsmigration sprechen.

Doch welchen Einfluss hatte nun der Bau des Mittellandkanals als einschneidendes Vorhaben in die Sehnder Industriegeschichte auf diese Migrationsstrukturen?

Der Bau des Mittellandkanals und die Suche nach Arbeitskräften

Bei dem Bau des Mittellandkanals handelte es sich von Beginn an um ein gewaltiges Bauvorhaben, das enorme Mengen an Material wie auch menschlicher Arbeitskraft forderte. Für den Bau wurden bereits damals Maschinen zum Erdaushub eingesetzt, ebenso konnte die Beförderung des Aushubmaterials maschinell über Feldbahnen erledigt werden.

Für die Erdbewegungen im Kanal waren überwiegend Bagger eingesetzt, die der damaligen Technik entsprechend, ausschließlich durch bordeigene Dampfantriebe bewegt wurden. Die Abförderung des Aushubs erfolgte über Feldbahnen zu den in der Nähe gelegenen Kippen.

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Abbildung 4 : Dampfbetriebener Bagger, 1919-1928

Jedoch war es trotzdem erforderlich, Arbeiter*innen zu finden, die diese Maschinen betreiben konnten. Außerdem musste weiterhin ein nicht unwesentlicher Teil der Bauarbeiten in Handarbeit geschehen.

Die anstehende Feinarbeit, wie Bearbeitung der Böschungen, Verteilen von Dichtungsmaterial und Glätten der Kanalsohle geschah in Handarbeit. Auch das Entleeren der Feldbahnwagen auf den Kippen und die Verteilung des Fördergutes oblagen weiterhin den Menschen.

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Abbildung 5 : Planierarbeiten der Kanaluferböschung, 1919-1928

Umso besorgter zeigten sich insbesondere die Landwirte, als dieser zunehmende Bedarf an neuen Arbeitskräften für das gewaltige Bauvorhaben Mittellandkanal bestand. Es sollte sichergestellt werden, dass für die ortsansässige Landwirtschaft und Industrie weiterhin genug Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Wie auch bei der Zucker- oder der Keramikindustrie wurden den Arbeiter*innen, die beim Bau des Mittellandkanals beteiligt waren, Wohnmöglichkeiten zur Verfügung gestellt.

Für die Arbeiten am Kanal kam ein Heer von Fremdarbeitern in die Region, aber auch Männer aus der Umgebung heuerten an. Dies geschah in einer Größenordnung, dass die auf die Arbeitskräfte dringend angewiesene Landwirtschaft mit der Kanalbauverwaltung ein Abkommen abschloss, das die Anwerbung einheimischer Arbeiter nahezu ausschloss.

[8]

Der Mittellandkanal als Initiator für weitreichende wirtschaftliche Veränderungen und Neugründungen von Industriestandorten in der Region bedingt seit seiner Fertigstellung weitreichende Veränderungen der Arbeitslandschaft, aber auch der langfristigen Bevölkerungsentwicklung. Wo schon im Kontext Sehnde festzustellen ist, dass sich die Wege der Migrant*innen bereits über enorme Strecken erstrecken, so erreicht dieses Beispiel der dauerhaften Arbeitsmigration lange nicht so große Ausmaße wie bspw. in Salzgitter oder Wolfsburg, deren Standorte aufgrund der Verbindung mit dem kohlereichen Ruhrgebiet über den Kanal nun plötzlich für die Stahl und die Automobilindustrie aber auch die Kriegsgüterproduktion [9] interessant wurden, so dass zehntausende in diese Gebiete zogen, um von den industriellen Neugründungen zu profitieren. Bei beiden handelt es sich um geplante Industriestandorte, bei denen von Beginn an mit massiver Arbeitsmigration gerechnet wurde. Beide Standorte wurden außerdem aufgrund ihrer günstigen Lage wie auch Anbindung durch den (damals neuerrichteten) Mittellandkanal gewählt.

Auch hier spielt Sehndes Lage am Kanal eine Rolle: Durch seine zentrale Lage am Stichkanal Hildesheim durchquerten tausende von Schiffen aus Hildesheim beladen mit Agrarprodukten den Kanalabschnitt bei Sehnde. Vergrößert wurde Hildesheims Einflussgebiet als Hafenstandort über Lastkraftwagen, die das Hinterland mit dem Kanal verbunden hätten. [10] Somit stellte unteranderem die Region um Hildesheim die Nahrungsmittelversorgung dieser neuen Industriestandorte sicher.

Autorin: Jana Lange


Abbildungsverzeichnis

  1. Ortschronik, S.299
  2. Quelle: Ortschronik, S.301
  3. Lange, eigens erstellte Grafik; Daten: Ortschronik, S.858
  4. Zeitreise 6, S.15
  5. Zeitreise 6, S.16

Fußnoten

  1. 1861; Zeitreise 2, S.6
  2. 1870; Zeitreise 2, S.6
  3. vgl. Zeitreise II: S.6
  4. Ortschronik, S.852-854
  5. Ortschronik, S.854
  6. Zeitreise 6, S.14
  7. Zeitreise 6, S.16
  8. Zeitreise 6, S.14
  9. siehe Al-Mazraawi, S.170f.
  10. vgl. Al-Mazraawi, S.170

Literatur

  • Al-Mazraawi, Nadja: Der Mittellandkanal: Landschaft - kultivierte Landschaft - Kulturlandschaft: eine Untersuchung zur materiellen Landumnutzung in der industriellen Moderne. Hannover 2014.
  • Meyer, Adolph: Sehnde. Vom Bauernhof zur Industriegemeinde. Herausgegeben von der Stadt Sehnde. Celle 1975. [Im Text als „Ortschronik“ bezeichnet“]
  • Stadtarchiv Sehnde: Die Ziegeleien in Sehnde. Die Zeitreise. Ausgabe 2. Sehnde 2007.
  • Stadtarchiv Sehnde: Die Erweiterung des Mittellandkanals im Bereich Sehnde zur Europaschifffahrtsstraße und der Neubau der Schleuse Bolzum. Die Zeitreise. Ausgabe 6. Sehnde 2011.