Landwirtschaft

Von Kleingehöften und Nebenerwerb zur kommerziellen Nutzung des Kanals bis ins Hinterland

Bei Landwirtschaft bzw. der Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte handelte es sich Anfang des 20. Jahrhunderts immer noch um einen der größten Arbeitsgeber im Ortskreis Sehnde. Neben der Kalichemie bot sie hunderten Menschen in Sehnde und Umgebung eine Arbeit und Lebensgrundlage direkt auf den Gehöften, in der Zuckerfabrik oder sogar nebengewerblich auf gepachteten Kleinflächen oder dem eigenen Land.

Die landwirtschaftlich erzeugten Produkte fanden dabei nicht nur in der unmittelbaren Umgebung Abnehmer*innen (Mikroebene), sondern wurden unter anderem auch über den Kanal teils über weite Strecken transportiert, und fügten sich so in ein überregionales Wirtschaftsnetz ein (Makroebene).

Landwirtschaft in Sehnde des 20. Jahrunderts

Während des 20.Jahrhunderts spielte agrarwirtschaftlich insbesondere die Zuckerindustrie eine große Rolle in Sehnde. Bereites 1875 gegründet stellte die Zuckerfabrik Sehnde einen der größten Arbeitgeber der Stadt neben der Kalichemie dar. Das Gelände umfasste dabei nicht nur die Produktionsanlage selbst, sondern auch Wohnungen und Häuser für die Arbeiter*innen der Fabrik sowie deren Familien. [1]

Dafür, dass ggf. auch Rüben als Rohmaterial oder Zucker als Endprodukt über den Kanal transportiert wurden, lassen sich zunächst keine direkten Belege finden. Dies dürfte zum einem der Tatsache geschuldet sein, dass 75% der Rüben über Landstraßen aus der direkten Umgebung herangetragen wurden, und zum anderen daran liegen dürfte, dass die Fabrik einen direkten Anschluss zur Reichsbahn besaß, der noch heute zu sehen ist, womit ein Transport über den Kanal einfach nicht sinnvoll war. Allerdings findet man auch einen Hinweis darauf, dass zumindest 1958 auch Rüben aus Osnabrück und Dänemarkt verarbeitet wurden, welche ggf. über den Kanal hätten transportiert werden können. [2]

Jedoch gibt es wenigstens eine direkte Verbindung der Zuckerindustrie Sehndes zum Kanal: Zumindest über einen kurzen Zeitraum von 1933 an stieg der Wasserbedarf der Fabrik nach dem Ausbau der Anlage soweit, dass man sich gezwungen sah, auf Wasser des Mittellandkanals zurückzugreifen. [3]

Abbildung 1 : Zuckerfabrik Sehnde, 1930er Jahre

Nicht nur Landwirtschaft in industriellem Ausmaß, sondern auch in kleinster Form stand mit dem Mittellandkanal In Verbindung. Damals war es nicht unüblich, sich neben einem regulären Arbeitsverhältnis bspw. bei der Zuckerfabrik oder bei der Eisenbahn, durch die sogenannte Nebenerwerbslandwirtschaft entweder selbst zu versorgen oder aber sich auf diesem Wege noch etwas Geld dazuzuverdienen. So taucht der Hinweis auf, dass bis in die Sechziger auf den damals noch unbewaldeten Uferböschungen Vieh von nebengewerblichen Landwirt*innen weidete.

Auf dem Bild sind die nicht mit Bäumen bewachsenen Kanalböschungen auffällig. Diese stellten in der Nebenerwerbslandwirtschaft eine bedeutende Nahrungsfläche für Ziegen, Schafe und Kaninchen dar. Erst in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts ging der Bedarf für eine derartige Bewirtschaftung zurück.

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Abbildung 2 : Private Tierhaltung und Gemüseanbau, zwischen 1960 und 1970 August 2021

Einen gänzlich anderen Bezug zum Mittellandkanal hatte dagegen der Bäckermeister und nebenerwerbstätige Geflügelzüchter Heinrich Kohl. Er schildert, wie sein Sohn den Kanal (vermutlich in den 1970ern) zu nutzen weiß:

Wettet Se, dat mit de Häuhnertucht dat is sone Leidenschaft von meck. Min Sohn de hat ja ok sone Leidenschaft. De sitt alle Dage am Kanal un halt seck da nen natten Ars mit sinen verdammten Fischefangen. Dat is ja nix! Segget Sei mal sülben, wat daue eck mit ner Leidenschaft, wenn se nix inbringet!

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Autorin: Jana Lange


Abbildungsverzeichnis

  1. Ortschronik, S.703
  2. Lange; Familienbesitz

Fußnoten

  1. Vgl. Ortschronik, S.854: "Dem Wohnungsbedarf dieser [neuzugezogenen] Arbeitnehmer versuchte man zum Teil durch die Schaffung von Werkswohnungen sicherzustellen."
  2. vgl. Ortschronik, S.704
  3. vgl. Ortschronik, S. 705
  4. Zeitreise 6, S.19
  5. Ortschronik, S.142

Literatur

  • Meyer, Adolph: Sehnde. Vom Bauernhof zur Industriegemeinde. Herausgegeben von der Stadt Sehnde. Celle 1975. [Im Text als "Ortschronik" bezeichnet]
  • Stadtarchiv Sehnde: Die Erweiterung des Mittellandkanals im Bereich Sehnde zur Europaschifffahrtsstraße und der Neubau der Schleuse Bolzum. Die Zeitreise. Ausgabe 6. Sehnde 2011.