Keramikindustrie

Der Wandel und Abbau eines bestehenden Industriezweigs

Bei der ersten errichteten Ziegelei im heutigen Stadtgebiet Sehnde dürfte es sich um die Ziegelei Haimars handeln, für die erstmals 1827 Hinweise in den Akten auftauchen. Bei der ersten Ziegelei direkt in der Stadt Sehnde selbst handelte es sich um die „Keramische Hütte“. Diese wurde laut einer Veröffentlichung des Sehnder Stadtarchivs von 2007 1860 gegründet; die Ortschronik Sehndes nennt anderes Datum, nämlich 1922. (Beide Daten erscheinen plausibel.)

In Sehnde herrscht eine besondere Situation. Hier wurde 1922 die Keramische Hütte gegründet, ohne daß [sic] man genauer die Tonqualität untersucht hatte. Es stellte sich nämlich heraus, daß [sic] der dort anstehende Ton minderwertig ist und Kalkeinschlüsse enthält.

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Die Keramikindustrie ist wie die Landwirtschaft jahreszeiten- wie witterungsbedingt ebenfalls von Saisonarbeit geprägt. So beschäftigten die ortsansässigen Ziegeleien von März – September Saisonarbeiter*innen, die in den Tongruben arbeiteten und beim Formen wie Brennen der Ziegel aushalfen. Zwischenzeitlich kam es während der Bauphase des Mittellandkanals in den 1920ern zu Problemen bei der Arbeitskräftebeschaffung der örtlichen Landwirtschaft, die befürchtete, der Kanalbau würde die benötigten Saisonarbeitskräfte abwerben. Ob es bei den Ziegeleien ähnliche Bedenken gab, ist nicht bekannt. Spätestens ab 1922 wurden zumindest in der Keramischen Hütte Sehnde auch Bagger, Raupen und Loren verwendet; über die vorherige Situation in den älteren Ziegeleien gibt es keine Auskünfte [2] Jedoch spielt der Kanalbau für die örtliche Keramikindustrie auch in anderer Weise eine bedeutende Rolle.

Zwar lässt sich nicht belegen, dass die Ziegeleien (bzw. die Keramische Hütte Sehnde) jemals den naheliegenden Kanal zum Transport ihrer Produkte genutzt haben (Zeitreise 2, S.13 spricht dagegen; hier ist davon die Rede, dass in den späteren Jahren der Ziegelproduktion die Eisenbahn und LKW genutzt worden wären. Insbesondere Nutzung des Sehnder Bahnhofs von 1846 lässt sich mehrfach belegen; vgl. Zeitreise 2, S.10), allerdings hatte der Bau des Kanals weitreichende Auswirkungen auf die Materialgewinnung des für die Ziegelproduktion benötigten Tons.

Beim Bau des Mittellandkanals Ender der 20-er Jahre sind die durch Tonabbau entstandenen Gruben der Keramischen Hütte als Deponie für die Aushubmassen genutzt worden. Darüber hinaus entstand eine Halde. Der Aushub bestand fast ausschließlich aus brennbarem Ton. Das Werk nutzte die Gelegenheit und stellte seine eigene Gewinnung ein. Der Ziegelrohstoff wurde ab 1928 vollständig aus dem angehäuften Material des Kanalbaus bezogen. Durch die recht unterschiedliche Zusammen-setzung [sic] des Tons war nur eine Herstellung minderer Qualität von Steinen möglich. Verkauft wurde die Ware vorwiegend als Hintermauersteine.

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Der Bau des MLK fungierte also als „Materiallieferant“ für den bestehenden Industriezweig der Keramikindustrie bzw. der Ziegeleibetriebe, wobei erwähnt wird, dass sich durch das andere Ausgangsmaterial die Qualität der produzierten Ziegel verringert habe. Fraglich ist, bezieht man auch das erste Zitat mit ein, ob die lokale Tonqualität nicht von Beginn an zu gering war, um qualitativ hochwertigere Produkte herzustellen und es daher keinen qualitativen Unterschied machte, auf das Aushubmaterial umzusteigen, sondern stattdessen möglicherweise Kostenersparnisse interessanter waren.

Autorin: Jana Lange

Abbildung 1 : Keramische Hütte, 1920 (wahrscheinlich eher 1920er)
Abbildung 2 : Keramische Hütte, wahrscheinlich zwischen 1930 und 1975 entstanden

Ort: "Keramische Hütte" Sehnde

Die Keramische Hütte Sehnde ist auch heute noch nach ihrer Schließung 1982 im Stadtbild Sehndes vorhanden. Jedoch ist absehbar, dass das mittlerweile stark baufällige bzw. teilweise einsturzgefährdete Gebäude in den nächsten Jahren abgerissen wird und (wahrscheinlich) neuem Wohnraum für die wachsende Bevölkerung der Kleinstadt weichen wird. Aktuell steht das Gelände leer – zuvor beherbergte es einen Schrotthandel sowie lange auch den Recyclinghof der Stadt Sehnde. Auf den ursprünglichen Zweck der Backsteinbauten weisen nur noch der präsente Schornstein hin, der über die Anlage aus in den Himmel ragt, wie auch ein alter Schriftzug, der die Hallen noch nach langer Zeit als "Keramische Hütte" ausweist.


Abbildungsverzeichnis

  1. Zeitreise 2, S.12
  2. Ortschronik, S.713

Fußnoten

  1. Ortschronik, S.711
  2. Ortschronik, S.711
  3. Zeitreise 2, S.12