Landschaft im Wandel - Das Beispiel Sehnde

Industrie und Kanal prägen das Landschaftsbild bis heute

Von Kippen und Tongruben

Landschaftsbild im Raum Sehnde unterlag insbesondere im Verlauf des 20. Jahrhunderts starken Veränderungen. Seit dem 19. Jahrhundert kam es zur industriellen Nutzung des Tons, der sich im Raum Sehnde finden lässt. So wurde 1827 im Dorf Haimar (heute OT Sehnde) die erste Ziegelei im heutigen Ortskreis Sehnde gegründet.

Beim Tonabbau wird das Grundmaterial aus dem Boden ausgehoben, um schließlich – in Form gebracht – gebrannt und so in seine endgültige, stabile Form als vielseitiges Baumaterial gebracht zu werden. Dieser Abbau in den Tongruben hinterlässt über das 19. Jahrhundert hinweg bis ins frühe 20. Jahrhundert sichtbare Spuren im Landschaftsbild rund um Sehnde.

Anders als bei den Tongruben war das Aushubmaterial beim Bau des Mittellandkanals zunächst keinem konkreten Zweck zuzuordnen. Bei der Errichtung des Kanals von West nach Ost war es zunächst einmal nebensächlich, was mit dem Material geschehen sollte – ausschlaggebend war es, die Trasse auszuheben, durch die später die westlichen mit den östlichen Industriestandorten Deutschlands verbunden werden sollten.

Diese enorme Menge an Erdaushub stellte nun den zweiten großen Einschnitt in das Landschaftsbild Sehndes im 19. und 20. Jahrhundert dar. Zum einen bot sich durch die neuen Erdmassen nun die Möglichkeit, einige der durch die Keramikindustrie entstandenen Tongruben wieder „aufzufüllen“ und so das Landschaftsbild zumindest teilweise wiederherzustellen, was zumindest bei einem Teil der bestehenden Tongruben so auch umgesetzt wurde. Viel interessanter für die Keramikindustrie war jedoch die Möglichkeit, das Aushubmaterial aus dem Bau des Kanals als Rohmaterial für die eigene Ziegelproduktion zu nutzen, was den Aushub weiterer, eigener Tongruben unattraktiv machte.

Doch auch diese Nutzung der ausgehobenen Erdmassen reichte nicht aus, das gesamte Material sinnvoll zu verwerten. So wurden im Raum Sehnde insgesamt sieben Kippen aus dem Restaushub aufgeschüttet, die heute brachliegen oder der Naherholung bzw. als Naturschutzzonen dienen.

Die heute weitgehend übergrünten Anlagen befinden sich in den Gemarkungen Wassel, Bolzum, Sehnde, Höver und Haimar. Diese willkürlich in die Landschaft hingestellten Erbschaften des Kanalbaus haben teilweise eine bemerkenswerte Änderung ihrer ursprünglichen Bestimmung erfahren. In Bolzum und Wassel sind sie in den Rang eines Naherholungsgebietes erhoben und wenig später zu Landschaftsschutzgebieten erklärt worden. In Wassel haben sich an den Hängen der Kippe schützenswerte Biotope angesiedelt. In den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts entbrannte ein heftiger Streit um die Höverschen Kippen wegen des dort geplanten Standortes für den Neubau eines Kraftwerkes. Naturschützer protestierten vehement gegen die drohende Zerstörung des Lebensraums für seltene Pflanzen und Tiere.

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Autorin: Jana Lange

Ort: Jacobi-Teich Sehnde, Ortsteil Gretenberg

Bei dem Jacobi-Teich im Ortsteil Gretenberg handelt es sich um eine ehemalige Tongrube der Ziegelei Gretenberg. Die Grube wurde teilweise durch den Aushub aus der Bauphase des Mittellandkanals zugeschüttet und so verkleinert. Seit der Verbreiterung des Kanals in den 1980ern gilt sie als sogenanntes Ausgleichsgebiet, das die ökologischen Folgen des Ausbaus des Mittellandkanals „abfedern“ sollte, indem man Zonen schafft, in denen sich die ortsansässige Flora und Fauna ausbreiten und geschützt vermehren könnte. Heute handelt es sich bei dem Teich um ein Feuchtbiotop mit einer ziemlich großen Artenvielfalt.

Ort: Kippe beim Ladeholz (Sehnde)

Diese Kippe bestehend aus dem ausgehobenen Erdmaterial vom Bau des Mittellandkanals ist heute dicht von Gräser, Sträuchern und Bäumen überwachsen. Das Gebiet bietet einem breiten Spektrum von Flora und Fauna einen Lebensraum, darunter Wildschweinen, Rehwild und diversen Eulenspezies. Im Winter bei genügend Schneefall dienen die von Pflanzen freigehaltenen Aufstiege als Rodelstrecken für Familien. Außerdem ist auf der Kippe wie auch im angrenzenden Papenholz der Waldkindergarten Sehnde beheimatet, der Kinder von früh auf das Lernen anhand der und über die heimische Natur ermöglichen soll. Die Kindergruppen werden gemäß dem Konzept ganzjährig im Wald betreut.


Fußnoten

  1. Zeitreise 6; S.11

Literatur

  • Meyer, Adolph: Sehnde. Vom Bauernhof zur Industriegemeinde. Herausgegeben von der Stadt Sehnde. Celle 1975. [Im Text als „Ortschronik“ bezeichnet“]
  • Stadtarchiv Sehnde: Die Erweiterung des Mittellandkanals im Bereich Sehnde zur Europaschifffahrtsstraße und der Neubau der Schleuse Bolzum. Die Zeitreise. Ausgabe 6. Sehnde 2011.