Landschaft im Wandel - Das Beispiel Sachsenhagen

Abbildung 1

Die niedersächsische Samtgemeinde Sachsenhagen liegt zwischen Stadthagen und Wunstorf. Aufgrund der unmittelbaren Nähe zum Mittellandkanal, der die Gemeinde im Süden passiert, und der niedrigen Bevölkerungszahl der Gemeinde von unter 10.000 Einwohnern, dient diese als Beispiel für eine Gegend, in der der Mittellandkanal für einen vergleichsweise großen Stellenwert für das Landschaftsbild hat.

Während in Städten wie Hannover, Braunschweig und Magdeburg große Teile der Bevölkerung durch die relative Entfernung ihrer Wohnungen zum Mittellandkanal, kaum einen Bezug zu dem Stehendgewässer haben, ist der Einfluss auf das Leben und den Alltag aller Bewohner in kleinen Ortschaften umso größer. Der Verfasser dieses Textes lebte beispielsweise mehrere Jahre in Braunschweig, bevor ihm bewusst wurde, dass der Braunschweiger Hafen nicht an einem Fluss, sondern am Mittellandkanal liegt. In Sachsenhagen hingegen hat der Kanal seit seiner Erbauung eine ungleich größere Rolle gespielt. Aus diesem Grund veröffentlichte der Heimatverein Sachsenhagen-Auhagen 2016 eine Jubiläumsschrift zum 100-jährigen Bestehen des Mittellandkanals.

Der vorgesehene Verlauf des Mittellandkanals durchschnitt in Sachsenhagen, wie auch in zahlreichen anderen Gemeinden, mehrere Grundstücke, die dem Kanalbauamt im Jahr 1909 zur Verfügung gestellt wurden. Da sich die Gemeinde einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Anbindung an den Mittellandkanal versprach, wurde 1912 mit der Errichtung eines Anlegehafens begonnen. [1]

Durch die Anlage des Kanals hegt die Stadtvertretung nach reiflicher Überlegung die Gewissheit, daß dadurch Handel und Verkehr auflebt und hält sich zur Hebung denselben und im Interesse der Stadt für verpflichtet, die Gelegenheit zu benutzen und in Anbetracht der günstigen Lage an der Landstraße eine Uferladestelle anzulegen. […]

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Tatsächlich profitierte die Wirtschaft von der Verbesserung der Infrastruktur durch den Mittellandkanal. So konnten lokale Betriebe günstiger Material aus größerer Entfernung beziehen.

Es wurden auch viele Hölzer geflößt. Diese kamen von Minden. Hier angekommen, wurden sie von Holzhändler Brinkmann aus Auhagen oder vom Zimmermeister Stelling aus Sachsenhagen mit Pferd und Wagen abgeholt.

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Der Mittellandkanal hatte aber nicht nur wirtschaftliche Auswirkungen auf die Orte, durch die er sich zieht. Auch auf die Freizeit der Sachsenhagener hatte der Mittellandkanal einen Einfluss. Im Jahr 1926 eröffnete beispielsweise ein Schwimmbad, dessen Becken durch Holzbalken von dem Rest des Mittellandkanals getrennt wurden. Ein Zeitzeuge erinnert sich an diese Freizeitbeschäftigung: Wir schwammen auch öfter auf vorbeifahrende Schleppkähne oder deren kleine Beiboote. Die Eigner schimpften häufig oder schickten ihre Hunde hinter uns her. Dann sprangen wir schnell ins Wasser. [4] Ein anderer berichtet zudem: Das war zwar streng verboten, aber man machte es doch immer wieder. So konnte man seinen Mut vor den Anderen beweisen. [5]

Abbildung 2

Diese Art von Mutproben konnten jedoch im Laufe der Zeit nicht mehr durchgeführt werden, da die Schlepper nach dem zweiten Weltkrieg ausgemustert wurden. Vor dem Zweiten Weltkrieg zogen die Schlepper großen Güterschiffe über den Kanal, was sich jedoch änderte, als nach 1945 zunehmend Schubverbände oder selbstfahrende Motorgüterschiffe eingesetzt wurden. Ein Schubverband besteht in der Regel aus einem sowohl leistungsstarken als auch gut manövrierbaren Schubboot, das ein oder mehrere antriebslose Schiffe, sogenannte Leichter, vor sich herschiebt.

Abbildung 3

Darüber hinaus entstand in Sachsenhagen auch die Tradition des jährlichen Fischzugs, bei dem der Sachsenhagener Angelverein in einer gemeinsamen Anstrengung mit Netzen in dem fischreichen Kanal auf Fischfang ging. Auch hierzu bietet die Jubiläumsschrift des Heimatvereins einen Zeitzeugenbericht:

Dann gab es auch noch den jährlichen Fischzug. […] Zwei Netze wurden gespannt, einmal an der Sachsenhäger und einmal bei der Niedernholzer Brücke. Die Netze wurden gegen Mittag eingeholt. […] Zuerst bekamen die Angehörigen der Angelvereinsmitglieder ihre Fische. Wir haben uns immer 2 Zander und 2 Hechte geholt. Die restlichen Fische konnten dann Sachsenhäger und Auhäger Bürger kaufen.

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Abbildung 4
Abbildung 5
Abbildung 6

Als 1993 die Verbreiterung des MLKs im Sachsenhäger Bereich nötig wird, musste die Sachsenhäger Brücke weichen, da sie nicht die nötige Länge aufwies, um die neue Breite des Kanals zu überspannen. Die Fertigstellung der neuen Brücke nach 14 Monaten feiern die Sachsenhäger mit einem großen Brückenfest. [7]

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Abbildung 8

Eine ähnlich enge Beziehung zum Kanal hatte seit 1916 auch das damals 700 Seelen zählende Dorf Brink. Deutlich außerhalb des damaligen Stadtgebiet Hannovers gelegen hatte dieser Ort nur wenig ansässige Industrie. Dies änderte sich jedoch mit dem 1916 fertiggestellten Bau einer Hafenanlage in unmittelbarer Nähe des Dorfes. Die durch diesen Bau gestärkte Infrastruktur führte zur Ansiedlung weiterer Fabriken.8 Auch heute ist die inzwischen in die Stadt eingegliederte Gemeinde Brink als Industriestandort bekannt.

Auch an anderen Abschnitten des Mittellandkanals gibt es historische und aktuelle Einflüsse des Mittellandkanals auf kleinere Dörfer und Städte. Als Beispiel wären hier die nordrhein-westfälischen Kleinstädte Lübbecke und Espelkamp, deren Grenze seit der Kreisreform von 1973 direkt am Mittellandkanal entlang verlaufen.

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Abbildung 10

Landschaftlich hatte der Mittellandkanal auch große Auswirkungen auf Orte, die er passiert. Beispielsweise wurden von 1928 - 1935 in Jersleben in Sachsen-Anhalt während des Kanalsbaus große Mengen Erdreich abgetragen und zum Aufschütten der Kanalwände genutzt. Das dadurch in unmittelbarer Nähe zum Kanal entstandene Loch wurde mit Wasser aufgefüllt, wodurch der Jersleber See entstand. Über die Jahre entstand dort ein Naherholungsgebiet von großer Bekanntheit, dass jedes Jahr viele Gäste in den kleinen Ort lockt. Auf diese Weise entstand auch der Tankumsee nahe Gifhorn, dessen Erdreich für das Aufschütten der Wände des Elbe-Seitenkanals genutzt wurde.

Bisher bezogen sich die Rückblicke ausschließlich auf ländliche Regionen in denen der Mittellandkanal schon dadurch, dass er die wichtigste Infrastruktur für die betreffenden Gemeinden darstellte, für alle dortigen Einwohner eine große Umstellung bedeutete. Am Beispiel Hannover lässt sich jedoch erkennen, dass auch die Einwohner großer Städte Veränderungen ihres Alltags durch den Bau des Mittellandkanals erfuhren. Eine Parallele zwischen Stadt und Land besteht in der Nutzung des Kanals als Naherholungsgebiet. Auch die Hannoveraner suchten im Sommer die Ufer des Kanals auf, um ihre Handtücher auszubreiten und sich bei Bedarf in dem stehenden Gewässer zu erfrischen. Auch in Hannover berichten Zeitzeugen von der Faszination, die die vorbeifahrenden Schlepper auf sie ausübten. [8]

Doch nicht nur im Sommer diente der Kanal den Anwohnern als Freizeitattraktion. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte man in besonders kalten Wintern, wenn die Kraft der Eisbrecher versagte, auf dem Kanal Schlittschuh laufen. Natürlich mussten dabei Unebenheiten einkalkuliert werden und das Betreten des Eises konnte, genau wie das Schwimmen im Sommer, nur auf eigene Gefahr geschehen. [9]

Abbildung 11

Über die Jahrzehnte dehnte sich das Stadtgebiet Hannovers über den Verlauf des Mittellandkanals hinweg aus. Der Kanal bildete daher in noch größerem Maße als die Leine und die A2, eine Schneise, die vom restlichen Verkehr überwunden werden musste. Nach und nach entstanden deshalb Brücken über den Mittellandkanal, die inzwischen aufgrund ihrer hohen Anzahl einen prägenden Teil des Stadtbildes darstellen.

Dass der Mittellandkanal von den Hannoveranern als wichtiger und repräsentativer Teil ihrer Stadt angesehen wurde, zeigt der im Zuge der Weltausstellung im Jahr 2000 abgehaltene Wettbewerb, bei dem die Idee für ein Kunstwerk gekrönt wurde, mit dem die im gleichen Jahr erteilte Freigabe der ausgebauten Stadtstrecke gefeiert werden sollte. Dieser Ausbau, bei dem auch fast alle städtischen Brücken, die zuvor den Kanal überquerten, erneuert werden mussten, um der neuen Kanalbreite gerecht zu werden, hatte zudem eine große Bedeutung für die Anwohner, da hierdurch die umweltschonende Einbindung des Kanalbettes in den Grüngürtel der Stadt gelang. [10]

Abbildung 12

Der Bau und Betrieb des Mittellandkanals hatte jedoch auch Schattenseiten für die Anwohner. So war es in der frühen Zeit des Kanals üblich, dass man die im Garten trocknende Wäsche in Sicherheit bringen musste, wenn sich langsam der rauchende Schornstein eines vorbeifahrenden Schleppers näherte. [11]

Nicht zuletzt in Kriegszeiten war die unmittelbare Nachbarschaft zum Mittellandkanal eher Fluch als Segen. Im zweiten Weltkrieg stellte der Kanal für die britische Luftwaffe ein lohnendes Ziel für Bombenangriffe dar. Auf diese Weise sollte die deutsche Infrastruktur nachhaltig getroffen werden. Um dies zu verhindern, wurden entlang des Kanals Chemikalien verbrannt, die einen dichten Nebel über dem Kanal erzeugten. Durch frühzeitige Kartographie war es den Briten allerdings möglich die Tarnung zu durchschauen, weshalb Kanal und Uferzonen über fünf Jahre hinweg mehrfach durch Bomben getroffen wurden.13 Als Glück im Unglück kann dabei betrachtet werden, dass die Kähne und die Lager auf und an dem Kanal im letzten Kriegsjahr und dem darauffolgenden Winter als lohnende Ziele für Plünderungen geeignet waren. Durch regelrechte Plünderungszüge, die in der Nachkriegszeit von den Besatzern geduldet wurden, konnte der Hunger in der Bevölkerung am Kanal ein wenig gemildert werden. [12]

Seit seiner Entstehung hatte der Mittellandkanal einen starken Einfluss auf die Dörfer und Städte an seinen Ufern und auf die Menschen, die an ihm lebten. Sowohl für das Arbeitsangebot als auch für die Freizeitgestaltung innerhalb dieser Regionen, bot der Kanal neue Möglichkeiten. Auch das Landschaftsbild wurde nachhaltig verändert, nicht nur durch die Wasserstraße selbst, sondern auch durch die Baumaßnahmen, die im Zuge ihrer Entstehung und Erweiterung notwendig wurden.

Autor: Henrik Schnülle


Abbildungsverzeichnis

  1. Google Maps
  2. 100 Jahre Mittellandkanal, S. 16
  3. 100 Jahre Mittellandkanal, S. 19
  4. 100 Jahre Mittellandkanal, S. 22
  5. 100 Jahre Mittellandkanal, S. 22
  6. 100 Jahre Mittellandkanal, S. 22
  7. 100 Jahre Mittellandkanal, S. 17
  8. 100 Jahre Mittellandkanal, S. 18
  9. Google Maps
  10. Google Maps
  11. Google Maps
  12. Google Maps

Literaturverzeichnis

  • Heimatverein Sachsenhagen-Auhagen e.V.: 100 Jahre Mittellandkanal. Sachsenhagen: 2016.
  • Wasser- und Schifffahrtsdirektion Mitte, Hannover (Hrsg.): Stadtlandschaft und Brücken in Hannover. Der Mittellandkanal als moderner Schifffahrtsweg. Hannover: 2000.