Der Dammbruch des Elbe-Seitenkanals im Jahr 1976

Abbildung 1

Die Geschichten über Kanäle in Deutschland sind zahlreich. Meist erzählen sie von wirtschaftlichen Interessen und davon wie Wasserstraßen nutzbar gemacht werden sollen. Mensch und Natur sind die zentralen Akteure. Doch keine Geschichte endet so tragisch, wie die über den ESK. Der Dammbruch aus dem Jahr 1976 war ein Ereignis, das den deutschen Kanalbau nachhaltig beeinflusste. Obwohl bereits in den 1970er Jahren enorme Anstrengungen betrieben wurden die komplexen technischen Hürden eines Kanalbaues zu nehmen, zeigte sich doch vor allem, dass der Mensch die Natur nicht völlig unterwerfen konnte. Mit dem „Hager-Erlass“ fand sich jedoch rasch eine politische Antwort auf die Katastrophe von Erbstorf: Aus der Hager Analyse ergaben sich 20 Anforderungen [1] an die Standsicherheitsuntersuchung von Dämmen an Wasserstraßen um zukünftige Versagen an Dammstrecken von Kanälen auszuschließen und ihnen entgegenzuwirken. Das Bundesministerium für Verkehr ordnete für den 1. Oktober 1976 an, Überprüfungen der weiteren Kreuzungsbauwerke am ESK vorzunehmen und erforderliche Instandsetzungs- und Ergänzungsmaßnahmen zu koordinieren. [2] Katastrophen von einem ähnlichem Ausmaß blieben in Deutschland seither aus.

Doch was war passiert? Am Vormittag des 18. Juli 1976 zwischen 10.00 Uhr und 10.30 Uhr wurden Wassermassen der Elbe für die Region um Lüneburg zum Verhängnis. An einer der Unterführungen des Elbe-Seitenkanals südlich von Scharnebeck, in der Ortschaft Erbstorf, ereignete sich eine Tragödie und es kam nur 33 Tage nach Inbetriebnahme zum Dammbruch:

Wie bei einer Sturmflut strömten schätzungsweise sechs Millionen Kubikmeter Wasser in das umliegende Gebiet. Häuser wurden überflutet, Bahnschienen und Straßen weggerissen und Autos fortgespült - ein Unglück, mit dem wohl niemand gerechnet hatte. Die betroffenen Anwohner*Innen flüchteten auf die Dächer ihrer Häuser. Im Laufe des Geschehens wurden 10 Personen verletzt und das Vieh der Landwirte vertrieben. Das aus dem Kanalbett ausströmende Wasser überschwemmte das Land bis hinein in die nördlichen Industrievororte von Lüneburg.

[3]

Aus Augenzeugenberichten und Fotoaufnahmen von Passanten, die sich in der Nähe der Bruchstelle aufhielten, konnte der Ablauf des Dammbruchs bereits zwei Tage später von der vom Bundesverkehrsminister beauftragten Sachverständigengruppe aus Fachleuten rekonstruiert werden. [4] Final wurde kein Grund für den Dammbruch öffentlich, aber durchaus Baufehler in Form von undichten Fugen gelistet. Durch den festgestellten unterschiedlichen Lagergrad des Sandes von dicht bis locker konnte sich Wasser in Hohlräumen sammeln und Löcher im Kanalbett entstehen. [5] Die Untersuchungskommission proklamierte in ihrem Gutachten von 1976:

Nachdem sich im Februar 1976 an der Südostseite gewisse Undichtigkeiten gezeigt hatten, wurden die Fugen oberhalb des Normalwasserspiegels zunächst behelfsmäßig mit Schlackengrus und nach Ende der Frostperiode im April 1976 endgültig mit Kunstgummi nachgedichtet.

[6]
Abbildung 2 : Freigelegter Hohlraum unter dem Südende der östlichen Stirn- und Flügelwand (aufgenommen am 26.07.1976)

Die Behebung des Schadens und Durchführung zusätzlicher Sicherungsmaßnahmen nahmen über ein Jahr in Anspruch. Rund 5 Millionen DM wurden allein für die Reparaturen am Kanal veranschlagt und weitere 15 Millionen DM wurden für die durch die Wassermassen verursachten Schäden im Umland von 10km2 fällig. [7] Denn auch wenn die Feuer- und Bundeswehr schnell einen Notdamm zu errichten versuchten, belief sich die ausgelaufene Menge an Wasser nach Schätzungen auf vier bis sechs Kubikmeter - das entspricht in etwa der Menge des Wassers der Hamburger Außenalster. Denn obwohl sich rund 100m nördlich der Unglücksstelle das Sicherheitstor bei Erbstorf befindet, konnte es erst nach gut einer Stunde geschlossen werden. In Richtung Süden gestaltete es sich noch komplizierter. So liegt das nächstgelegene Sicherheitstor 45km entfernt bei Wieren. Ein Notdamm, für den ein Binnenschiff quer in das Kanalbett gezogen wurde, wurde errichtet. Der Versuch scheitert aber und das Schiff läuft in Fahrtrichtung auf Grund. In der Folge wurden Autowracks und Sandsäcke sowie Panzer der Bundeswehr zum Dammbau herangeschafft. Nach etwa 13 Stunden konnte der Notdamm endlich fertig gestellt werden und mit dem in der Nacht folgenden provisorischen Sperrdamm von der Hamburger Feuerwehr der Katastrophenalarm aufgehoben werden. [8] Ein Video aus dem Bundesarchiv dokumentiert jene Szenen, die sich seinerzeit bei Lüneburg abspielten. [9]

Autorin: Birte Gildehaus

Podcast

Dr. Gerhard Scharf, 82, Oberstudiendirektor a.D. berichtet authentisch über das Leben am Kanal und den Bruch 1976. Auch nach 45 Jahren ist der Bruch in den Köpfen der Menschen präsent.

Autor: Felix Pellnath


Fußnoten

  1. Vgl. Lackner/Hager, Der Schadensfall an der Unterführung Lüneburg/Nutzfelde des Elbe-Seitenkanals und Folgerungen, S. 219f.p
  2. Vgl. Odenwald, Vom Schadensfall am ESK zum MSD 2010, S. 30.
  3. Anders, Ulrike: Der Elbe-Seitenkanal: Landschaftsprägendes Großprojekt, in: Herrmann, Bernd/Stobbe, Urte (Hg.), Schauplätze und Themen der Umweltgeschichte. Umwelthistorische Miszellen aus dem Graduiertenkolleg. Werkstattbericht. Göttingen 2009, S. 10.
  4. Siehe dazu: Lackner/Hager, Der Schadensfall an der Unterführung Lüneburg/Nutzfelde des Elbe-Seitenkanals und Folgerungen, S. 199ff.
  5. Vgl. Lackner/Hager, Der Schadensfall an der Unterführung Lüneburg/Nutzfelde des Elbe-Seitenkanals und Folgerungen, S. 210–213.
  6. Vgl. Lackner/Hager, Der Schadensfall an der Unterführung Lüneburg/Nutzfelde des Elbe-Seitenkanals und Folgerungen, S. 202.
  7. Vgl. hier und im Folgenden: „Dammbruch: Als der Elbe-Seitenkanal auslief“, in: NDR Online (zuletzt eingesehen am 28. August 2021).
  8. Vgl. Anders, Ulrike: Der Elbe-Seitenkanal: Landschaftsprägendes Großprojekt, in: Herrmann, Bernd/Stobbe, Urte (Hg.), Schauplätze und Themen der Umweltgeschichte. Umwelthistorische Miszellen aus dem Graduiertenkolleg. Werkstattbericht. Göttingen 2009, S. 11.; Vgl. „Dammbruch: Als der Elbe-Seitenkanal auslief“, in: NDR Online (zuletzt eingesehen am 28. August 2021).
  9. Siehe dazu: Elbe-Seitenkanal Dammbruch 1976, in: Youtube (zuletzt eingesehen am 4. Juli 2021).

Abbildungsverzeichnis

  1. landeszeitung.de
  2. entnommen aus: Lackner/Hager, Der Schadensfall an der Unterführung Lüneburg/Nutzfelde des Elbe-Seitenkanals und Folgerungen, S. 216.