Binnenschifffahrt

Zur Geschichte der Binnenschifffahrt auf dem Mittellandkanal

Die historischen Entwicklungen des Mittellandkanals sind eng mit der Geschichte der Binnenschifffahrt und der Binnenschifffahrt als einen der wichtigsten deutschen Hauptverkehrsträger verknüpft. Skizziert man den Verlauf der Anteile, den die Binnenschifffahrt am Gesamtverkehrsaufkommen in den letzten Jahrzehnten hatte, werden klare Bezüge zu den Veränderungen am und um den Mittellandkanal deutlich.

Abbildung 1

Das Gesamtverkehrsaufkommen wird in der Regel anhand der drei Hauptverkehrsträger: Straßenverkehr (LKWs), Schienenverkehr (Eisenbahn) und der Binnenschifffahrt betrachtet, die stetig zueinander in Konkurrenz standen und deren Entwicklungen Einflüsse auf die anderen Verkehrsträger und deren Transportwege (wie den Mittellandkanal) hatten. Anhand der Verteilungen der Anteile dieser Hauptverkehrsträger und der Relation zueinander, lässt sich die Leistungsfähigkeit einzelner Verkehrsregionen bestimmen.

Im Zuge des Zweiten Weltkriegs war es in der Binnenschifffahrt zu gewaltigen Transporteinschränkungen und –verhinderungen gekommen. Mit Anbruch der 50iger Jahre erholte sich der Verkehrsträger jedoch stetig und erreichte Anteile von ca. 25% am Gesamtgüterverkehr und am Gesamtverkehraufkommen.

In den 50iger Jahren spielte neben der Binnenschifffahrt der Transport durch Eisenbahnen die größte Rolle. Die Schleppschifffahrt wurde stetig durch Motorschifffahrt ersetzt und im Zuge dessen wurden die Schiffe immer größer. Anfang der 60iger Jahren mündete das deutsche „Wirtschaftswunder“ der BRD schließlich in einem erhöhten Bedarf an Transportmitteln. Dies führte dazu, dass auch die Binnenschifffahrt und Wasserwege mehr als je zu vor in ihrer Bedeutung zunahmen und mit 30% am Gesamtverkehrsaufkommen ihren historischen Höhepunkt erreichten. Dies hatte zur Folge, dass der Mittellandkanal 1965 für größere Schiffe, die sogenannten Großgütermotorschiffe, ausgebaut, d.h. verbreitert, wurde und auch an zahlreiche Häfen Erweiterungen stattfanden. Obwohl die Binnenschifffahrt und deren Verkehraufkommen auf dem Mittellandkanal sich resistent gegen Ölkrise (1973) und Krise der fossilen Brennstoffe (1980) zeigte, führte ein das Schrumpfen des Gütermarktes dazu, dass die Binnenschifffahrt wieder beim 25% Anteil der 50iger Jahre ankam. Gleichzeitig wuchsen die Anteile der Verkehrsträger Eisenbahn und LKW an. Im Zuge des wachsenden Umweltbewusstseins Ende der 70iger/Anfang der 80iger Jahre in Deutschland geriet auch die Binnenschifffahrt in den Fokus der umweltpolitischen Kritiker. Besonders Kanäle wie der Mittellandkanal wurden als störend in der Landschaft empfunden und das Verschwinden natürlicher Flussläufe bedauert. Auch der Ausbau des Mittellandkanals zu Ungunsten der Flora und Fauna der Ufer wurde stark kritisiert. 1990, nach der Wiedervereinigung der deutschen Staaten, wurde der Mittellandkanal wieder zur bedeutendsten Ost-West-Verbindung der Wasserstraßen. Dennoch verlor die Binnenschifffahrt immer mehr an Anteilen und damit auch an Bedeutung für den deutschen Verkehr.

Im historischen Vergleich der transportierten Gütermengen sieht man, dass der Umschlag der Güter auf dem Mittellandkanal insgesamt abgenommen hat:

Abbildung 2
Abbildung 3

Das Säulendiagramm links stammt aus einer Quelle des Reichsverkehrsministeriums von 1938 und zeigt die Umschlagsmenge der Güter auf dem Mittellandkanal pro Jahr von 1914 bis 1937. Schön zu sehen ist auch hier, wie sich die Deutsche Geschichte, z.B. der Erste Weltkrieg oder die Hyperinflation 1923, auf den Verkehr und Handel auf dem Mittellandkanal auswirkt.

Das Säulendiagramm rechts veranschaulicht die Entwicklung des Güterumschlags auf dem Mittellandkanal im Verlauf der letzten 15 Jahre. [1]

Heutige Anteile

Abbildung 4

Die Grafik rechts veranschaulicht die heutigen Anteile der drei Hauptverkehrsträger in Deutschland. Die Binnenschifffahrt ist auf ca. 8% geschrumpft und belegt damit den letzten Platz hinter den Konkurrenten Eisenbahn und LKWs.

Während Straßen- und Schienennetz maßlos überlastet sind, und es vielerorts zu Verzögerungen oder Staubildungen kommt, sind die deutschen Binnenwasserstraßen wie der Mittellandkanal noch längst nicht ausgelastet, sonder verfügen noch über freie Kapazitäten. Der Mittellandkanal wurde 1965 aufwendig ausgebaut, wie der folgende Abschnitt erläutert. Verschenktes Potential???

Mitte der 1960iger Jahre – die Blütezeit und Ausbau des Mittellandkanals

Wie bereits oben im Abriss der Geschichte der Binnenschifffahrt in Deutschland im Bezug zum Mittellandkanal erwähnt führte der wirtschaftliche Aufschwung der 50iger und 60iger Jahre in der BRD zu einem Anteilshoch der Binnenschifffahrt und auch zu Erweiterungsmaßnahmen am Wassernetz und dem Mittellandkanal. 50 Jahre Mittellandkanal wurden 1965 stolz im Mindener Tagesblatt gefeiert.

Hat nun der Kanal die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt? Nun, diese Frage kann klar bejaht werden, ja, der Verkehr hat sogar […]die Erwartungen weit übertroffen. Hatte man z.B. 1899 bei der Suche des Kanalprofils eine Verkehrsbelastung mit 4,5 Millionen Gütertonnen als denkbare Höchstgrenze angenommen, so mußte man bald erkennen, daß diese Zahlen weit in den Schatten gestellt wurden.[…] Wir haben infolgedessen einen Zustand auf dem Mittellandkanal erreicht […] der nicht im entferntesten vorausgesehen werden konnte und für den das Kanalprofil auch keinesfalls ausreicht.

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Der Mittellandkanal hatte also in den 60iger Jahren einen Güterverkehr erreicht, der um ein Vielfaches die Maximalgrenze überstieg, für die man ihn ursprünglich, 50 Jahre zuvor vorgesehen und geschaffen hatte. Durch Maßnahmen, die die Leistungsfähigkeit verbessern sollten z.B. durch eine Aufhöhung des Wasserspiegels oder die Erhöhung der Höchstgeschwindigkeit der Schiffe, halfen zwar den enormen Anforderungen des neuen Güterverkehrs eher gerecht zu werden, jedoch reichten diese nicht aus, um den Mittelandkanal der Gütermenge und der Neuartigkeit des Verkehrs gänzlich anzupassen. Die „Verkehrsnot“ und „nautischen Schwierigkeiten“ (wie Staus auf dem Kanal) wie es im Artikel heißt, war groß und eine Veränderung musste her…

Während alle anderen Verkehrswege – die Eisenbahn sowohl als auch die Landstraßen – ihr Gesicht seit 1914 vollständig verändert haben, ist beim Mittellandkanal alles etwa wie zu Großvaters Zeiten. Er gleicht also der für das Pferdefuhrwerk hergerichteten alten Provinzialstraße, der Zeit vor 1914.

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Stellen Sie sich vor, wie es auf einer solchen Straße heute aussehen würde, wenn sie wie der Kanal in ihrem Zustand von 1914 geblieben wäre und dann den modernen Autoverkehr übernehmen müßte. Nach einem solchen Vergleich verstehen Sie unsere Sorgen auf dem Kanal

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Regional wurde daraufhin versucht die Ufer und Umwelt anzupassen, doch die Lage ließ sich nicht großartig verbessern, was zum Glück auch von der damaligen Bundesregierung und dem Verkehrsminister erkannt worden war. Eine Einigung zwischen Verkehrs- Finanzminister und der Vertreter der Bundesländer musste erfolgen. Dies geschah und der Neuordnung der Wassernetze sowie des Ausbaus des Mittellandkanals stand nichts mehr im Wege: Der Mittellandkanal wurde für den sogenannten Europakahn (80m Länge, 9,5 m Breite und 2,5 m Tiefe) ausgebaut, der Kanalquerschnitt wurde konkret auf 167m erweitert und stellenweise wurden neue Schleusen hinzugefügt. Die Kosten für den Ausbau sollten auf Bund und Länder in einem Verhältnis von 2:1 aufgeteilt werden.

Im Rahmen der Pläne spielt der MLK eine besonders große Rolle. Dies ging schon daraus hervor, daß von den Gesamtkosten, die auf 3 Milliarden DM geschätzt werden, der Löwenanteil, nämlich 1,725 Milliarden DM, allein auf den Mittellandkanal entfällt.

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Abbildung 5 : Eine gezeichnete Nachempfindung des Europakahns

Das Leben und Arbeiten als BinnenschifferIn auf dem Mittellandkanal

Text Screencast

„Wie ist es also als BinnenschifferIn auf dem Mittellandkanl zu leben und zu arbeiten und was hat sich über die Zeit verändert? BinnenschifferInnen verlassen ihr Schiff selten bis kaum. Meistens ist die Binnenschifffahrt deshalb familienbetrieblich geführt. Die Familie lebt und arbeitet gleichzeitig an Bord und kann so zusammen bleiben, die Kinder gehen jedoch an Land zur Schule. (Hier sieht man eine Familie in klassischer Rollenverteilung auf einem Binnenschiff in den 30iger Jahren). BinnenschifferIn zu sein ist häufig mit enormen Strapazen verbunden: Der Lohn ist nicht sehr hoch, dafür muss man jedoch 14-15h Tage in Kauf nehmen, schwer körperlich arbeiten und ist ständig den Umweltbedingungen ausgesetzt, mit Wasser und Lebensmitteln muss gehaushaltet werden und man ist ständig am Gange, weil immer etwas getan, z.B. navigiert oder das Schiff entstand gehalten werden muss. Was bedeutet es konkret auf dem Mittellandkanal zu fahren? Kanäle sind nicht so breit wie Flüsse und haben kaum Fließgeschwindigkeit, außerdem liegen die Brücken meist tiefer. Man könnte sagen, dass es alles etwas beengt ist. Obwohl der Mittellandkanal 1965 großzügig ausgebaut wurde, ist es dennoch nicht so leicht bestimmte Fahrmanöver darauf durchzuführen. Das Wenden z.B. muss an bestimmten Wendeplätzen erfolgen, wie dem Hafen und ist meist ein Akt, der den Einsatz der gesamten Besatzung fordert. Man stelle sich zum Vergleich vor wie schwierig es manchmal ist mit einem einfachen PKW auf der Straße zu wenden, und nun das Ganze mit einem Schiff von 110 Metern Länge. Insgesamt haben sich diese Lebensbedingungen, die stark von den Bedingungen der Arbeit abhängen (auf dem Schiff leben und immer unterwegs sein) historisch nicht groß verändert.

Umwelt und Binnenschifffahrt früher und heute

Früher heute
Diesel Diesel (aber Verbrauch viel geringer als bei LKWs. Der Transport auf dem Wasser ist deutlich klimafreundlicher als mit dem LKW. Nach Angaben Umweltbundesamt werden bei Gütertransporten mit der Binnenschiffahrt nur 32 Gramm Trabhausgase pro Tonnenkilometer ausgestoßen, mit der Bahn 48.1 Gramm und mit dem LKW sind es 103 Gramm. Neue Entwicklung Erdgas
Kleine Schiffe Große Schiffe (1 modernes Binnenschiff ersetzt bis zu 90 LKW), je größer das Schiff desto eiffizienter der Kraftstoffverbrauch
Keine Rußpartikelfilter Rußpartikelfilter
Binnenschiffe werden bis zu 100 Jahre alt Binnenschiffe werden bis zu 100 Jahre alt (LKWs nur ca. 10 Jahre)
Bilgenwasser und Abfälle einfach in die Gewässer gekippt Strafbar Bilgenwasser in Flüssen oder Kanälen zu entsorgen (Bilgenentöler & Ölkontrolbuch) Strafen für umweltschädliches Verhalten
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Autorin: Madleen Tscherner


Quellen und Literatur

  • Al-Mazraawi, Nadja: Der Mittellandkanal : Landschaft - kultivierte Landschaft - Kulturlandschaft : eine Untersuchung zur materiellen Landumnutzung in der industriellen Moderne. Hannover : Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover, Diss., 2014
  • Blogeinträge, diebinnenschifferin.de (abgerufen am 29.06.2021)
  • Der Mittellandkanal, Reichsverkehrsministerium, 1938 Berlin.
  • statista.com: statista.com