Die Hindenburgschleuse in Hannover-Anderten

Videoimpressionen zur 1928 eingeweihten Hindenburgschleuse in Anderten.
Name Hindenburgschleuse
Standort Anderten
Bauzeitraum 1919-1928
Schleuseneinweihung 20.06.1928 durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg
Anzahl der Kammern 2 (Ost- und Westkammer)
Höhendifferenz 14,70 Meter
Kammerlänge 225 Meter
Kammerbreite 12 Meter
Wasserverbrauch pro Schleusung 42.000 Kubikmeter = 42 Millionen Liter
Gesamtdauer eines Schleusenvorganges 15 Minuten: Pro Minute erfährt das Schiff eine Hebung oder Senkung von 1 Meter
Verbaute Materialien Eisen, Stahlbeton, Zement, Eisenschmelzklinker, Granit
Besonderheit Sparschleuse → 25 Sparbecken je Kammerwand
Steckbrief Hindenburgschleuse

Neben den technischen Neuerungen, denen die Hindenburgschleuse im Verlauf der Zeit unterlag, ist es vor allem die ursprüngliche Erhaltung, die die Schleuse so besonders macht. Unterliegt diese sogar einer Art „Nicht-Werdegang“ und kann entsprechend als Industriedenkmal angesehen werden? Und wie funktioniert die Hindenburgschleuse genau? Diesen Fragen soll folglich Ausdruck verschaffen werden. Die Inhalte der Fragen sind dabei größtenteils auf einen Austausch mit dem Betriebsstellenleiter der Leitzentralen Hannover und Wedtlenstedt des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Mittellandkanal / Elbe Seitenkanal, Rüdiger Kastaun, zurückzuführen, der aufgrund seiner jahrelangen Berufserfahrung einen idealen Gesprächspartner für den Austausch über die Hindenburgschleuse darstellte.

Aufbau und Funktion

Die Hindenburgschleuse ist als eine sogenannte Sparschleuse konzipiert. Das bedeutet, dass in Anderten im Vergleich zu anderen Schleusen eine besonders wassersparende Methode zur Schleusung der Schiffe eingesetzt wird, die aufgrund dessen zustande kommen kann, dass sogenannte Sparkammern 75% des Wassers eines Schleusenvorganges erhalten können. Doch wie funktioniert ein solcher Vorgang?

Abbildung 1 : Wasserbewegung bei einem Schleusenvorgang.

Bei der Entleerung der Schleuse, oder auch Talschleusung genannt wird das Wasser aus dem Schleusenbecken in die Sparkammern befördert, wovon sich jeweils fünfundzwanzig Stück an der linken und rechten Seite des Beckens befinden. Wichtig dabei ist, dass das Wasser beim Ablassen über die Umläufe in die Sparbecken gelangt, sodass diese von unten nach oben befüllt werden. Zur Regulierung des Wasserstandes in den einzelnen Sparkammern werden Ventile eingesetzt. Die 25% Schleusenverlustwasser, die während des Prozesses entstehen, werden entsprechend ins Unterwasser abgegeben.

Bei der Bergschleusung hingegen erfolgt nun der Rückfluss des Wassers aus den Sparkammern in die Schleusenkammern. Dafür wird mittels der Ventile erneut der Wasserstand in den einzelnen Kammern für den Ablauf reguliert und die 25% des Wassers, die bei der Talschleusung verloren gingen, werden nun wieder mittels des Pumpwerkes aus dem Unterwasser dem Oberwasser zugeführt.

Die Schleuse im Wandel der Zeit

Technisierung – in dem Austausch mit Herrn Kastaun in Anbetracht des Wandels der Schleuse im Verlauf der Zeit ist das wohl der Begriff, der diese Entwicklung am geeignetsten zu beschreiben scheint. Denn besonders die technischen Neuerungen sind es, die den Schleusenvorgang immer mehr zu einem automatisierten Prozess etablierten.

Abbildung 2 : Bedienertisch in dem Jahr 1928
Abbildung 3 : Bedienertisch im Juni 2021

Eine große technische Neuerung erfolgte beispielsweise im Jahr 2005, in welchem die Schleuse auf Fernsteuerung umgebaut wurde, was zur Folge hatte, dass die Schleusenvorgänge nun via Fernbedienung gesteuert werden konnten und nicht mehr, wie früher, manuell am Ort des Geschehens getätigt werden mussten. Eine weitere notwendige Veränderung, die an der Hindenburgschleuse durchgeführt wurde, hängt mit dem Schiffverkehr zusammen, genauer gesagt mit der steigenden Größe von Schiffen. Denn, die Größe von Schiffen nimmt stets zu. Entsprechend wurde innerhalb der Hindenburgschleuse im Jahr 2003 eine der beiden Steuerbrücken angehoben, damit auch ein Teil dieser Schiffe die Schleuse passieren kann.

Neben notwendigen Reparaturarbeiten oder dem Austausch eines der beiden Schleusentore ereignete sich ab dem Jahr 2015 ein signifikanter Fortschritt: Die Planung und der Bau der neuen Leitzentrale Hannover. Innerhalb dieser Leitzentrale entstanden somit auch neue Bedienertische, von denen aus nicht nur eine Fernsteuerung der Hindenburgschleuse möglich ist, sondern stets neue Schleusen, wie beispielsweise die in Bolzum, über die Leitzentrale Hannover ferngesteuert werden.

Bei dem Versuch, eine Entwicklung der Hindenburgschleuse im Verlauf der Zeit neben dem Aspekt der Technisierung festzumachen, fällt auf, dass die Schleuse scheinbar einem „NichtWerdegang“ unterliegt, der sich anhand dessen erkenntlich zeigt, dass das Bauwerk über all die Jahre, dem Ursprung in den 1920er Jahren treu geblieben ist. Auch der zweite Weltkrieg hinterließ, bis auf einen kleinen Schaden am Pumpenhaus durch einen Luftangriff, keine weiteren Spuren an dem Bauwerk.

Kann es sich aufgrund dessen bei der Hindenburgschleuse um ein Industriedenkmal handeln?

Besonders imposantes Objekt der Industrie (z. B. Bauwerk, Maschine o. Ä.), das als erhaltenswert gilt und deshalb unter besonderen Schutz gestellt ist

So wird ein Industriedenkmal innerhalb des Dudens definiert. [1]

Doch welche Bedeutung kommt der Hindenburgschleuse in Anbetracht dieser Definition zu? Vorab lässt sich dazu sagen, dass es sich bei der Einordnung von Denkmälern immer auch ein stückweit um subjektive Empfindungen handelt, sodass auch hier nicht eindeutig gesagt werden kann, ob die Hindenburgschleuse als Industriedenkmal angesehen werden kann oder nicht. Folglich werden entsprechend auch nur Tendenzen aufgeführt, die das Argument eines Industriedenkmals gewichten können.

Der Begriff "erhaltenswert", der in der obigen Definition aufgeführt wurde ist es, der sich ebenfalls auf die Hindenburgschleuse zu übertragen lassen scheint. So äußerte sich auch Herr Kastaun dazu, dass die Hindenburgschleuse neben dem Aspekt der Binnenschifffahrt aufgrund ihres Erscheinungsbildes als ein Prestigeobjekt ihrer Zeit angesehen wurde und entsprechend heute auch unter besonderem Schutz steht.

Ein weiterer nennenswerter Faktor kann zudem darin bestehen, zu untersuchen, welche Historie die Schleuse dokumentiert beziehungsweise, wie und was diese in der Vergangenheit gewirkt und bewirkt hat. Aufgrund der Schleuse und auch des Mittellandkanals im Allgemeinen konnte die Binnenschifffahrt angekurbelt werden, was zur Folge hatte, dass auch der Handel neue Dimensionen erfuhr. Die Wirtschaft erfuhr somit einen neuen Aufschwung, der sich aufgrund der Schifffahrt etablieren konnten.

Gerade diese Entwicklung ist es, wofür die Hindenburgschleuse letzten Endes heute noch zu stehen scheint. Entsprechend ist hier festzustellen, dass der bereits genannte "NichtWerdegang" der Schleuse lediglich auf das äußere Erscheinungsbild zu übertragen ist, nicht aber auf die Bedeutung der Schleuse für Binnenschifffahrt und Wirtschaft.

Ein letzter zu beachtender Untersuchungsaspekt besteht daher noch in der Funktion der Schleuse heutzutage. Nach wie vor wird diese für den Transport von Gütern genutzt. Immer mehr Schiffe können die Schleuse aufgrund ihrer Größe allerdings nicht mehr passieren, sodass der eigentlichen Funktion der Förderung von Handel und Wirtschaft in Anderten heutzutage keine Ausprägung mehr wie zu den Entstehungszeiten zukommt. Auch erfährt das Konstrukt fast keine Vergrößerung um sich der Entwicklung anzupassen, sondern bleibt in seinem Ursprungszustand erhalten.

In Anbetracht der Frage nach der Hindenburgschleuse als Industriedenkmal lässt sich somit abschließend sagen, dass sich dieses aufgrund der genannten Aspekte durchaus als eines einordnen lässt. Unter Wiederaufgriff der wirtschaftlichen Funktion stellt sich allerdings die Frage, ob der Begriff des Industriedenkmals nicht insofern ausgeweitet werden müsste, als dass der Mittellandkanal im Allgemeinen mit ausschlaggebend für diesen Aufschwung der Binnenschifffahrt war und die Schleuse entsprechend nur als ein Teil des Ganzen anzusehen ist.

Autorin: Annika Günther


Abbildungsverzeichnis

  1. Eigene Aufnahme, 15.06.2021.
  2. In: Kurz, Lorenz: Die Hindenburgschleuse. Schleuse Anderten 1928-2006. Anderten 2006, S. 25.
  3. Eigene Aufnahme, 15.06.2021.

Videoquellen:

  • Videoaufnahmen: Hindenburgschleuse. Eigene Aufnahmen, 15.06.2021.

Quellen- und Literaturverzeichnis:

  • Grundlage: Austausch mit Herrn Kastaun
  • Duden, Industriedenkmal: https://www.duden.de/rechtschreibung/Industriedenkmal (zuletzt besucht am 27.08.2021).
  • Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Industriedenkmalpflege – Umnutzung, Wiedernutzung und Weiternutzung von Industriedenkmalen. Erfurt 2003.
  • Ullmann, Gerhard: Industriebrachen. Bizarre Phantasien des Verfalls. Stuttgart 1999.